Krieg

Kriegsberichterstattung von Nikkolo Feuermacher März 2022

Bild: Nikkolo Feuermacher 2022

Nikkolo: 500 km von Wien entfernt, also so nah wie Zürich, Stuttgart, Warzawa, Verona, Sarajevo ist jetzt (24.2.2022) Krieg.
Klaus: Danke, dass ihr alle zu dieser ausserordentlichen Redaktionssitzung gekommen seid. Ich glaube so eine Versammlung gab es erst ein mal in der Geschichte von bitterernst.at.
Claudine: Irgendwie brauchen Männer immer eine Blutlache um sich um etwas herum versammeln zu können.
Nikkolo: Der Krieg zeigt, dass wir – du und ich, die draussen auf der Gasse, die in den Büros und Verwaltungsgebäuden, und die im Parlament – überhaupt nichts gelernt haben. — Aber das ist leider nichts neues.
Miklós: Wir haben schon was gelernt. Aber – not nice – wir tun nichts.
Klaus: Das trifft vielleicht auf Dich zu Miklós. Ich habe in den 1980ern gegen die Stationierung von Pershing Raketen der USA in Europa demonstriert, dann habe ich die Partei „Die Grünen“ mitgegründet um auch im Parlament für den Frieden etwas zu tun.
Claudine: Im März 1999 stellen „Die Grünen“ in Deutschland den Aussenminister Fischer, der deutsche Soldaten in Serbien zum ersten mal nach dem zweiten Weltkrieg wieder aktiv Menschen töten lässt.
Klaus: Das stimmt. Aber ich habe auch 30 Jahre lang mit Kinder- und Jugendtheaterstücken und Workshops für Kommunikation, Frieden, Demokratie gegen Gewalt, Computerspiele und Hass gearbeitet.
Miklós: Warum hast Du nie was davon erzählt?
Claudine: Er schämt sich heute dafür.
Klaus: 2000 habe ich ein Theaterstück in Zusammenarbeit zwischen unkrainischen und deutschen Kunstschaffenden produziert, in dem es um Frieden ging, um das Durchbrechen der sich ständig wiederholenden Gewaltspirale. Salamandra nach Alexander Wolodin’s Iashiriza. Der Text ist hier auf bitterernst.at herunterzuladen.
Nikkolo: Was? Mein Text ist immer noch hier auf der Seite?
Miklós: Wie war das?
Klaus: Wir haben zwei Tourneen gemacht. Eine in der Ukraine, in Theatern mit über tausend Zuschauern, und eine in Deutschland in Theatern mit einer Hand voll Zuschauern. In Deutschland waren damals Exil-Ukrainer und Exil-Russen so gegeneinander verhasst, dass die einen das Stück boykottierten weil ukrainische Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne waren und die anderen weil auf der Bühne russisch gesprochen wurde.
Nikkolo: 2000 war absehbar, dass in der Ukraine sowohl viele Russen leben als auch ein extremer Russenhass. Die gleiche Situation wie in Jugoslawien vor dem Krieg dort. Jede und jeder hat das wahrgenommen. Frieden wurde nicht hergestellt.
Claudine: M.I.A., die Liedermacherin aus Sri Lanka sagt in einem Interview 2018 ungefähr: Ich habe mit meiner Kunst auf die Gewalt in Sri Lanka hingewiesen, der Sohn einer befreundeten Familie hat mit der Waffe vor Ort gekämpft. In der Zeit als ich einen Preis für meine Kunst bekam wurde er erschossen. Wir haben beide die Situation für die Menschen in Sri Lanka nicht verbessert.
Klaus: Bei dem Überfall Russlands auf die Ukraine geht es allerdings nicht um gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen innerhalb eines Landes. Hier will ein grosses Land ein kleineres mit aller Gewalt übernehmen. Das ist nicht Häusliche Gewalt sondern Raubmord.
Nikkolo: Ihr sagt: alles ist sinnlos?
Claudine: Lass das Taschentuch stecken, Mann. Handeln macht Sinn wenn es für DICH Sinn macht. Du hast die Wirkung Deines Handelns nicht in der Hand. Der militärische Überfall Russlands auf die Ukraine war absehbar: Seit 1994 führt Russland Krieg in Tschetschenien, seit 2015 in Syrien, die Krim, ein Teil der Ukraine, wurde 2014 militärisch überfallen und besetzt. Die Firma Putin geht zielstrebig ihren Weg und alle schauen zu.
Klaus: Firma Putin beschreibt die Struktur genau, Danke Claudine.
Claudine: Die Firma Putin hat in Europa namhafte Politikerinnen und Politiker gekauft. Die prominentesten sind der österreichische Exkanzler Schüssel, der deutsche Exkanzler Schröder, die österreichische Ex-Aussenministerin Kneissl, der österreichische Ex-Möchtegernkanzler Kern – der hat aber inzwischen die Firma als einziger offiziell verlassen.
Miklós: Ich bin voll happy, dass ich nicht in Ungarn bin. Da ist jetzt Generalmobilmachung. Meine Mam sagt: Orban hat schon 2013 auf dem Fidesz Parteitag Ungarn auf den Krieg gegen innere und äussere Feinde eingeschworen. Da wollte sie, dass ich aus Ungarn weg bin. Jetzt is an der ungarischen Grenze Krieg. Heavy.
Claudine: Österreich könnte auch seine Soldaten Orban zur Hilfe schicken, so wie die österreichische Polizei seit 2016 bei den Grenzkontrollen in Ungarn hilft. Und die süssen Zivildiener müssen dann ihre verstümmelten Altersgenossen zum Rettungshubschrauber tragen wenn sie in die überfüllten österreichischen Spitäler geflogen werden.
Nikkolo: Claudine, Du bist heute echt hart drauf.
Claudine: Krieg ist eine männliche Art mit Konflikten umzugehen. Da habe ich mehr Distanz als Du, mein Schatz.
Miklós: Ich bin voll happy, dass ich in Wien bin. Echt nice.
Nikkolo: In Wien sind bereits seit Jahren russiche und ukrainische Flüchtlinge. Die Flüchtlinge mit Geld, die sich goldene Eigentumswohnungen im ersten Bezirk und Häuser in den Weingärten kaufen. Jetzt werden noch viele arme Flüchtlinge dazu kommen und natürliche viele Deserteure von beiden Seiten. Die vier Gruppen werden sich nicht so leicht lieben können.
Österreicher und Österreicherinnen selbst haben sich schon in zwei verhasste Lager gespalten, …
Klaus: … als es um die Impfung ging.
Nikkolo: … als es um die Flüchtlinge des Syrien-Krieges ging. Mit den Flüchtlingen aus dem Ukraine-Krieg können sie sich noch mehr spalten und hassen.
Klaus: Dann wären Hass und Gewalt in Wien noch präsenter?
Claudine: Theoretisch könnten ukrainische Nationalisten die russische Botschaft und andere russische Orte in Wien angreifen. Das gibt Männern die Gelegenheit die Freiheit in Wien noch weiter einzuschränken.
Miklós: Ich geh aus Wien weg. Bye bye Vienna.
Klaus: Das Bild, das Du zu unserer Sitzung gepinselt hast, Nikkolo, erinnert mich an The Hateful Eight von Quentin Tarantino.
Claudine: In dem Film töten sich Menschen gegenseitig brutal und am Ende erhängen zwei halbtote, blutende Männer noch eine gefesselte Frau, ehe sie sterben. Das ist nicht ganz das gleiche.
Klaus: Uns fehlt gerade der Optimismus.
Claudine: Es gibt auch positives zu berichten. Zum Beispiel steigen die Glock-Aktien, denn von Österreich aus wird Waffenhandel betrieben und an Krieg Geld verdient. Ausserdem vergiss nicht: es gibt ja noch uns Frauen (innere und äussere).

Anwesend waren im Konferenzraum:
Claudine Feuermacher-Montigne
Miklós Nemuszáj
Nikkolo Feuermacher
Klaus Kirchner
und in einer Urne in der Ecke: die Asche des auf seine Verstreuung wartenden Ernst Bitter
Entschuldigt fehlen:
siehe Team

14 Gedanken zu “Krieg

  1. Dieser Krieg kann dazu verwendet werden Geschlechterrollen-Klischees wiederzukäuen (die Blondinen flüchten mir ihren Kindern und die starken Männer bringen sich gegenseitig um). Aber fest steht: In der offiziellen ukrainischen Armee haben Frauen wenigstens 25% aktiven Anteil. In der russischen Armee waren 2002 10 % des Militärpersonals Frauen. Frauen töten in diesem Krieg Frauen.
    Ausserdem rekrutieren beide Armeen ausländisches Personal für den Kampfeinsatz in der Ukraine. Also: in der Ukraine kann wer will wen er will töten. Denn es herrscht Krieg.

  2. Ich frage mich was Menschen aus anderen Ländern wie zum Beispiel Syrien, Lybien, Afghanistan etc. denken und fühlen, wenn sie jetzt in europäischen Medien hören „der Krieg ist zurück„, „Städte sind zerstört„, „Kinder weinen„. Hoffentlich denken sie: „Jetzt fangen auch die Europäer wieder an zu verstehen was Krieg ist. Damit alle Menschen dem Wahnsinn Krieg ein Ende bereiten und aufhören.“ Dieser Aufruf geht vor allem an junge Männer weltweit und international: „Sofort die Finger weg von Waffen.

  3. Hallo Ernst,
    ich bin entsetzt, dass der Krieg in der Ukraine aus den Medien verschwunden ist. So als wäre der Krieg ein Sonderangebot für günstige Telefontarife, ist er schon wieder vergessen. Das darf nicht sein! Es sterben ständig Menschen, es flüchten ständig Menschen. Das Wissen darum dürfen wir nicht verdrängen lassen. Bitte halte den Beitrag auf Deiner Seite oben. (Die Kommentare zeigen Dir ja auch, dass es ein Interesse an dem Beitrag gibt.)

    • Hallo zurück.
      Es tut mir leid darauf hinweisen zu müssen: der Ernst ist letztes Jahr gestorben. Wir warten mit seiner Beerdigung darauf, dass sich wieder uneingeschränkt Menschen auf dem Zentralfriedhof in Wien versammeln dürfen.
      Und: der Bitter Ernst hat NIE Beiträge auf diesem Blog geschrieben oder gar hin und her geschoben. Das wäre weit unter seine Würde gewesen. Hier schreibe und schiebe ich:
      Nikkolo Feuermacher.
      Aber ich tue was gewünscht wird (manchmal).

  4. Der aktuelle Krieg in der Ukraine ist Produkt der US-amerikanischen Präsidenten Bush und Trump: Aufkündigung des Multilateralismus (d.h. viele Länder beziehen sich aufeinander und handeln gemeinsam Regelungen aus: WHO – UNO – Internationaler Menschengerichtshof – …), Aufkündigung von Abrüstungsverhandlungen, Aufkündigung von internationalen Verträgen, Nationalismus, militärische Gewalt und Krieg als legitimes Mittel der Politik, Fake News, …
    Bush’s „Krieg gegen den Terror“, der seinen Soldaten erlaubt jederzeit in jedem Land Menschen zu töten, ist Putin’s Blaupause für den „Krieg gegen den Faschismus“, der seinen Soldaten erlaubt jederzeit in jedem Land Menschen zu töten.
    So wie in den USA „Demokratie“ verstanden wird, haben Herr Bush und Herr Trump keinerlei Verantwortung mehr für das, was sie in der Welt hervorgerufen haben. Nur Herr Putin hat gelernt und ist immer der selbe geblieben.

    • Das ist eine Falschmeldung! Ich muss Ihnen auf das Heftigste widersprechen: Herr Putin ist nicht der selbe geblieben! Russischen Quellen zu Folge weiss er überhaupt nichts von dem Krieg, den Soldaten der Russischen Föderation in der Ukraine führen. Was in den Medien (auch den russischen) gezeigt wird sind nur manipulierte Film-Montagen. Deshalb wirkt Herr Putin auf den Bildern auch so unecht.

    • Im Irak-Krieg liess Herr Busch ab 1996 über die Firma Blackwater Krieg führen. Herr Putin verwendet ab 2014 die Firma Wagner um Krieg in der Ukraine, Mali und Lybien zu führen. Der Trick dabei: die Soldaten nehmen ihre Landesabzeichen von der Uniform und töten als Söldner im privaten Auftrag. Dabei wird das Völkerrecht umgangen, denn es sind ja keine Staaten involviert. Statt einer UNO Friedenstruppe, gibt es eine „private“ Kriegstruppe. Das die Vereinten Nationen sich das gefallen lassen lässt sich schwer erklären: „Krieg kann jeder führen der dafür Russland oder der USA Geld gibt“, der Einsatz von militärischer Gewalt (auf härtestem Niveau) ist in den Händen einer Art Mafia, die Staaten schauen zu oder bezahlen. Private Söldner-Anbieter haben kein Interesse an Abrüstung oder Frieden.

    • … – Ein Verbrechen kann nicht gegen ein anderes Verbrechen aufgerechnet werden. Zwei Verbrechen sind doppelt so schlimm wie eines. – …

  5. Krieg muss man schwänzen!“ habe ich auf den Friedensdemos gerufen als es das vorletzte mal welche gab.
    Heute Nachmittag tut es mir leid, dass ich auf der ausserordentlichen Redaktionssitzung (oben) schlecht über „Männer“ gesprochen habe. Ich meinte natürlich nicht Menschen mit einem Penis, sondern das Patriarchat. Die Rede von Claudine Nierth (unten) hat es mir noch einmal deutlich gemacht: die „ich rede als Frau“ – Maske gehört abgesetzt. Männliche Menschen zwischen 18 und 60 Jahren dürfen im Augenblick die Ukraine nicht verlassen. Sie sind die am stärksten bedrohte Personengruppe in der Ukraine. Sie müssen die Möglichkeit erhalten zu desertieren und sich in Sicherheit zu bringen. Ukrainische genauso wie russische Männer, denen eingebläut wurde: „Ich muss andere Männer töten um gutes zu tun!“ Die Blondinen mit Kindern, die Grossmütter mit Rollator, … sollten sich gegen die russischen Panzer stellen. Das wäre eine neue, friedliche Strategie, die nicht das Morden rechtfertigt wenn es nur von der richtigen Seite begangen wird. Das Märchen von den Männern, die sich gerecht gegenseitig in einem Gemetzel bekämpfen, muss beerdigt werden, wenn wir in Frieden leben wollen.
    In der Realität kämpfen in der Ukraine längst auch „als Männer verkleidete“ ukrainische Frauen (Soldatinnen) gegen als Männer verkleidete Frauen aus Russland.
    Das Kämpfen mit den Waffen gehört geschwänzt!
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Claudine Nierths Ruf nach einem „Übervater„, der vermittelnd beide Seiten beruhigen kann, erhört werden wird. Herr Putin sieht sich – wahrscheinlich unähnlich von Herrn Hitler und anderen Staatschefs – als den einzigen Übervater auf dem Planeten. Wer die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi gesehen hat wird mir das glauben. So ist das Patriarchat.
    Wenn wir den Krieg schwänzen wollen, müssen wir den Konflikt mit unblutigen Mitteln austragen. Austragen, denn Aussitzen hat noch keinen Konflikt gelöst. Dabei erscheint mir die Rolle Österreichs – wie so oft – besonders clownesk: der österreichische Repräsentant bei den Vereinten Nationen teilt die Verurteilung des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine; der österreichische Repräsentant bei der Europäischen Union blockiert die Sanktionen eines Gas-Boykotts gegen Russland und eines Ausschlusses Russlands vom Bankenverkehr. Damit stärkt Österreich die Gewalt der Firma Putin sowie deren Glauben: „Demokraten behindern sich ununterbrochen gegenseitig, deshalb ist Demokratie eine minderwertige Staatsform.“
    Um Demokratie als Staatsform, sowie um ein friedliches, demokratisches Austragen des Konfliktes muss es gehen wenn wir den Krieg schwänzen wollen.
    Der ukrainische Repräsentant bei den Vereinten Nationen meinte in seiner Rede (siehe unten): „Wenn die Ukraine nicht überlebt, wird die Institution der Vereinten Nationen nicht überleben. Die Demokratie wird nicht überleben.“ Das ist nicht an den Haaren herbeigezogen.

    PS: Ich freue mich sehr darüber, dass ukrainische Menschen sich weiterhin ohne spezielles Visum 90 Tage lang in der EU aufhalten dürfen (wie schon vor dem Krieg), auch wenn plötzlich an vielen Grenzübergängen Passkontrollen stattfinden. Interessant finde ich die Bahn-Freifahrten und den kostenlosen Tiergartenbesuch in Wien für ukrainische Staatsbürger. Sie erinnern mich ein wenig an die Zeit nach dem „Mauerfall“ in Deutschland, als Ost-Bürgern und Bürgerinnen öffentlich Geldgeschenke gemacht wurden. So, als sollte vermittelt werden: „im Westen gibt es etwas geschenkt.“ Das wäre aus meiner Sicht eine weitere Form unblutiger Kriegsführung.

    Zitate aus:
    General Assembly Emergency Special Session | United Nations (28 Feb 2022)

    • Es gibt auch Menschen die in Russland geboren sind und lange dort gelebt haben, die vom Krieg wissen und dazu Bilder und Geschichten verbreiten.
      Ein Beispiel: IC3PEAK
      Marsch
      Dead but pretty

  6. 12.3.22
    Krieg
    Du fragst:
    wie kann ich helfen,
    was kann ich tun?
    Sei offener Raum.
    Denke für und nicht gegen.
    Handle für und nicht gegen.
    Wenn du spaltest, spaltest du dich.
    Du bist immer auch das andere.
    So versammle denn deine Teile,
    akzeptiere alle,
    ja liebe alle –
    so kann die Angst dich nicht finden.
    Du bist überall –
    im dazwischen,
    im weiten Blau des Himmels,
    in der Tiefe der dunklen Nacht.
    Du brauchst keine Ufer.
    Du bist jetzt.
    Ganz hier.
    Atme,
    öffne dein Herz,
    entspanne dich.
    So bist du ein Leuchtfeuer,
    Hilfe,
    Wärme und Trost.
    Wir sind eins.
    ai

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