Harari hören? Muss!

Küsse und Gebete, Alle Rechte bei Nikkolo FeuermacherDas letzte Werk von Yuval Noah HARARI 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (München, 2018) gibt es nicht nur als Hörbuch, es kann auch gelesen werden. Jedenfalls sollten seine Fragen und Analysen Gehör finden, denn das 21. Jahrhundert hat auch in Wien / Österreich bereits begonnen (wie immer fast 20 Jahre später als anderswo). Wieso das?

Zwei Beispiele von vielen:
ELGA (meine elektronische Gesundheitsakte im Internet) stellt die Daten aller ÖsterreicherINNEN seit 2015 für „Gesundheitsdienstanbieter“ zur Verfügung.
Der AMS-Algorithmus* gibt „Entscheidungshilfen“ ob eine arbeitslose Person weitervermittelt werden kann oder nicht – mit allen daraus folgenden Konsequenzen.
Beide Modelle sind bereits im Betrieb ohne dass ihre Folgen „breit diskutiert“ worden wären (z.B. entscheidendes Thema bei Wahlen wurden).
Harari will „zum Weiterdenken anregen und dem Leser [der Leserin] dabei helfen, sich an einigen der zentralen Debatten unserer Zeit zu beteiligen“ (S.13 a.a.O.). Er schreibt mit einem guten Schmäh und aus unterschiedlichen Perspektiven über die Welt in der wir JETZT schon leben. Mit Perspektiven auf mögliche Entwicklungen bis in die Zukunft unserer Kinder.
Dass die Wirtschaft wachsen und einzelne davon viel profitieren können, während die Mehrheit der Bevölkerung ärmer wird, ist ein Phänomen, das seit den 1980ern in Europa gut zu beobachten ist. Das NEUE Phänomen auf das Harari hinweist ist: Menschen werden überflüssig. Wirtschaftswachstum ist denkbar ohne dass dabei Menschen selbst als Konsumenten gebraucht werden. Vielleicht besteht die politische Debatte in Europa gerade darin: die einen Überflüssigen auf die anderen Überflüssigen zu hetzen, um davon abzulenken was sich im Hintergrund bewegt. Harari beleuchtet mögliche Hintergründe.

*Ein Algorithums ist ein Rechenmodell. Eine Formel die unterschiedliche Daten miteinander verbindet und daraus Wahrscheinlichkeiten errechnet. Eine der ersten bekannten Einsätze von Algorithmen in Deutschland war 1979 die „Rasterfahndung nach RAF Terroristen“: Die gespeicherten Datensätze ALLER in Deutschland lebenden Personen wurden durchkämmt nach z.B. „Wer zahlt bar und nicht per Kreditkarte?“ „Wer hat eine Wohnung in der Nähe einer Autobahnausfahrt gemietet?“ „Wer mietet eine Wohnung kurz befristet?“ Ein Erfolg dieser Rasterfahndung war am 04.05.1979 die Erschiessung einer mutmasslichen Terroristin in der von ihr gemieteten Wohnung.

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