HANDwerk

Allre Rechte am Bild: Nikkolo Feuermacher 2016drei Männer sprechen über das Arbeiten:
Richard Sennett (Philosoph und Autor), Klaus Kirchner (Supervisor und Evaluator), Nikkolo Feuermacher (Praktikant und Übersetzer)

Feuermacher: handWERK war der Titel einer Ausstellung im MAK in 2016. Weil in einem Museum Werke, Objekte, Gegenstände gesammelt und gezeigt werden, konzentrierte sich handWERK auf das WERK. Menschen, Handlungen oder Prozesse zu sammeln ist eine andere Sache. Ich möchte Sie gerne dazu einladen sich eine Ausstellung HANDwerk vorzustellen, bei der wir uns allein damit beschäftigen was Menschen TUN – mit dem Blick auf menschliches HANDELN – während der Arbeit.

Kirchner: Es gab während der MAK-Ausstellung auch die Möglichkeit Menschen bei handwerklichen Tätigkeiten zu erleben und es wurde z.B. in einem Vortrag von Richard Sennett über Handwerkskunst [craftsmanship] gesprochen.
Sennett: Handwerk ist nicht das gleiche wie [craftsmanship] Handwerkskunst. Handwerkskunst ist MEHR als Produktion und Qualität.
Kirchner: Als Supervisor interessiert mich die Art und Weise WIE Menschen arbeiten, wie sie ZUSAMMENarbeiten. Als Evaluator geht es mir um die Qualität von Prozessen und Arbeitsabläufen, um die Fragen „WIE GUT haben Menschen zusammen gearbeitet? und „WAS können sie daraus lernen?“
Sennett: In der digitalen Welt gibt es eine neue Form von Handwerkskunst: ich habe mich mit Programmierern unterhalten.
Feuermacher: Wir drei wollen nicht zurück ins Mittelalter. Wenn wir über HANDwerk sprechen, blicken wir auf das JETZT mit Perspektive in die Zukunft.
Alle drei nicken sich zu.
Sennett: Meine persönlichen Erfahrungen in der Handwerkskunst kommen aus dem Cello spielen im Konzert, und dem Cello lehren.
Feuermacher: Das kann man natürlich alles übertragen.
Sennett: Handwerkskunst ist ein kollektiver Akt [viele Menschen wirken zusammen um sie hervor zu bringen]. INNOVATION dagegen folgt einer bourgeoisen Kunstvorstellung aus dem 19ten Jahrhundert. KREATIVITÄT heisst etwas zu machen wo vorher nichts war. Handwerkskunst ist etwas ganz anderes und gründet auf Erfahrung und nicht auf Individualisierung.
Feuermacher: Das bedeutet HandwerkerINNEN(2*) müssen die Welt nicht neu erfinden, sondern sie setzen eine Entwicklung fort, an der viele Menschen vor ihnen schon beteiligt waren. Auf dieser Entwicklung bauen sie auf. Sie müssen nicht KünstlerINNEN oder Genies sein. Die zwei Schlagwörter Innovation und Kreativität können wir vergessen.
Sennett: Heute produzieren Maschinen [Roboter] Waren. Dieses Handeln nutzt die Erfahrungen der HandwerkerINNEN, baut auf Generationen menschlicher Arbeit auf, und setzt EINE Variante davon maschinell [computergesteuert] um.
Feuermacher: Dem Landraub von gemeinschaftlich genutzten Flächen durch Unternehmen (z.B. in Afrika), dem Diebstahl von Wild- und Zuchtpflanzen durch Patente (z.B. für Bier, Lebensmittel und Medikamente) entspricht in der Produktion von Waren die digitale Privatisierung von Arbeitsabläufen, die Generationen von HandwerkerINNEn aufeinander aufbauend entwickelt haben. Etwas, das allen Menschen gehören muss, bezeichnen Einzelne als ihr Eigentum und bereichern sich daran.
Kirchner: Wir sprechen jetzt über die Strukturen unter denen Arbeit stattfindet.
Sennett: Der Kapitalismus hat kein Interesse an Handwerkskunst. Er entmachtet die Handwerkskunst. Microsoft ist ein Monopol der Mittelmässigkeit.
Feuermacher: Wir kaufen diese Software nicht weil uns die Qualität überzeugt, oder weil sie besonders liebevoll hergestellt ist, sondern weil wir dazu gezwungen werden.
Sennett: Microsoft ProgrammiererINNEN werden dafür bezahlt in möglichst wenig Zeit möglichst viel Programm zu schreiben. Die Fehler, die dabei zwangsläufig entstehen, sollen die KundINNen finden und für deren Behebung bezahlen.
Feuermacher: Dieses Geschäftsmodell ist das Gegenteil von Handwerkskunst.
Kirchner: Alle daran beteiligten Menschen sind unzufrieden. Alle fühlen sich schlecht behandelt, niemand fühlt sich in seinen Bedürfnissen wahrgenommen. Wer sich freut sind Banken, Eigentümer und Aktionäre. Wenn dieser Zusammenhang nicht verstanden wird, und die Unzufriedenheit bei den ProgrammiererINNEN und KundINNen sitzen bleibt, dann gibt das schlechte Teams, krank machende Arbeitsplätze und unzufriedene KäuferINNEN, die die ProgrammiererINNEN verfluchen.
Sennett: Zerstört Monopole, denn die zerstören Handwerkskunst und Kreativität.
Feuermacher: Gut, das machen wir.

Sennett: Mich interessieren neue Formen von Handwerkskunst, die nicht Schicki-Micki sind.
Feuermacher: Es geht also nicht um Designermöbel, Kunsthandwerk von einzelnen Genies, sondern um ein Handeln, dem viele Menschen folgen können.
Kirchner: Wenn einzelne unter guten Bedingungen arbeiten dürfen, und der Rest der Menschen weiterhin unter schlechten Bedingungen arbeitet, können wir noch viel verbessern.
Sennett: Handwerkskunst bedeutet Fähigkeiten zu verbessern und auszuweiten. Als HandwerkerIN verlierst du dich. Du musst dich als HandwerkerIN verlieren. Handwerken ist kein mechanisches Tun. Probleme zu finden und Probleme zu lösen ist das Interessante. Intelligente Menschen haben kein Interesse daran Multiple-Choice-Tests auszufüllen.
Feuermacher: Das bedeutet: es ist nicht wichtig DUMM zu sein um zu arbeiten.
Sennett: Handwerkskunst bedeutet: du kennst mehrere Wege um Qualität herzustellen. Es gibt nicht nur einen. Wenn Du weisst wie etwas funktioniert, dann ist es tot.
Kirchner: Es geht um die Kunst gut zu arbeiten, und dabei aus sich selbst heraus aufmerksam und schlau zu sein. Wenn ein Arbeitsplatz das ermöglicht, macht er Freude.
Sennett: Es ist wichtig, dass man langsam ist und das muss man lernen. Langsamkeit erzeugt Qualität. Ich nehme eine Idee von Diderot [Denis Diderot, französischer Philosoph 1713-1784, stark beeinflusst von seiner Schwester Denise 1715–1797]: es ist wichtig sich selbst zu beobachten WIE man etwas tut. Nicht sich im Tun zu verlieren, sondern den Prozess wahrzunehmen. So wird es möglich, etwas, das man einmal gut gemacht hat zu wiederholen, zu variieren und zu verbessern. Das „sich verlieren“ muss auf die richtige Weise geschehen.
Kirchner: Sich bei der Arbeit zuzuschaun, auf den Prozess zu achten, genau DAS ist Supervision – der Blick von Aussen.
Feuermacher: Das mit der Langsamkeit wird den Banken, EigentümerINNEn und AktionärINNen nicht gefallen.
Sennett: Es ist ein menschliches Grundbestreben: der Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen. Wenn wir das Herstellen von Dingen besser verstehen lernen, können wir das materielle Leben humaner gestalten.(1*)
Feuermacher: Der Kapitalismus will viele Menschen als KonsumentINNen, Maschinen als Produzentinnen, und wenige Einzelne als Gewinner.
Kirchner: Es geht um Zufriedenheit. Wenn die menschlichen Bedürfnisse: etwas zu lernen, Wirkung zu zeigen, Probleme zu lösen, Variationen auszuprobieren, neugierig zu sein, … beim Arbeiten befriedigt werden, verbringen Menschen gerne ihre Lebenszeit damit.
Feuermacher: All diese guten Gefühle kann ich mir auch mit einem Computerspiel kaufen. Aber das Geld für das Computerspiel kommt NICHT aus einem guten Gefühl, wenn die Arbeit dafür nicht gut ist. Und wenn die ProgrammiererINNEN schlecht behandelt werden. KonsumentIN zu sein ist nicht unbedingt ein gutes Gefühl, auch wenn die Werbung heftig daran arbeitet.
Sennett ist hinter einem Buch verschwunden.
Kirchner: Es gibt unterschiedliche Lebens- und Arbeitsmodelle, die ausprobiert und gelebt werden können. Schade, dass an diesem Gespräch keine Frau teilnimmt. Frauen haben häufig ein anderes Rollenverständnis und können sich leichter vorstellen ihre Arbeitszeit auf verschiedene Bereiche zu verteilen.
Feuermacher: Herr Kirchner, Sie haben sicherlich gerade Ihre jährliche Fortbildung im Gender Mainstreaming hinter sich?
Kichner: So ist es.
Feuermacher: Sie haben mit erzählt, dass Sie in Japan gelernt haben wie eine Frau zu tanzen?
Kirchner: Onna Gata 女形 nennt man das im Kabuki.
Feuermacher: Deshalb habe ich SIE eingeladen.
Sennett ist schon gegangen.
Die anderen folgen.

Dieses Gespräch fand fiktiv statt und stammt von Nikkolo Feuermacher. Aussagen von Richard Sennet stammen aus seiner Rede vom 9.10.2016 im Wiener MAK in einer Übersetzung von Nikkolo Feuermacher, sowie (1*) aus: Richard Sennett, „Handwerk“, Berlin 2009
Klaus Kirchner wurde am 13.9.2017 zum Thema interviewt.
(2*) Der Begriff „HandwerkerIN“ folgt in diesem Text nicht der Definition der Handwerkskammer, sondern meint Menschen die der Handwerkskunst (s.o.) nachgehen.

Ein Gedanke zu “HANDwerk

  1. Lieber Nikkolo,
    herzliche Gratulation zu diesem kreativen Interview! – Genau darum geht´s, um einen tiefen und fundierten Zugang zum Handwerk, wie ihn Senett entwickelt hat. Klaus war mit Freunden bei mir in der Schmiede und wir haben da „Nägel mit Köpfen“ gemacht.
    Beste Grüße
    Karl Schwediauer

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