Aus dem Seniorenheim 5.

Daheim ist daheim, Nikkolo Feuermacher pinselt 2021

Bild: Nikkolo Feuermacher 2021

„It is difficult to be precise, however my instruments indicate a condition of extreme rigor mortis spreading rapidly throughout the population. Highly illogical, captain.“ sagt Lieutenant Morbid. Deshalb lässt Captain Smyrk Rettung auf den Planeten beamen: „If you believe in us, you will be blessed with Funk.“
CAMEO Funk Funk, 1977“ steht auf einem Fetzen Papier. Und der liegt mitten auf dem Stapel Sonderangebotshefterln in meiner Briefbox. Wenn da jemand noch ein Sonderangebotshefterl draufgelegt hätte, wär der Fetzen MIT ALLEM auf den Kachelboden geräumt worden. Niemand hätte mehr irgendwas davon gefunden. Unter dem riesigen Blechschrank auf Stelzen, in der Eingangshalle zu meinem völlig überteuerten Zimmer, liegen haufenweise Sonderangebotshefterl und Fetzen auf dem fast weissen Boden aus grossen Kacheln.
Das Seniorenheim meldet sich wieder.
Beim letzten mal war kein Wiedersehn gecheckt worden. War es der mit dem Rollator, der mir nicht noch mal ins Zimmer fallen wollte und mir deshalb einen Fetzen in den Briefkasten steckt? Hat der ein Glück! Weil eh gerade Lockdown ist und ich Zeit hab, wisch ich mir den Song her und mach mich auf den Weg. Die Alten haben eh nichts vor und sitzen da die ganze Zeit. Man braucht sich nichts auszumachen.

Ich hab Meidner schon Deinen neuen Impfpass gezeigt, Du kannst reinkommen.“ schreit mir Maresi entgegen, wo ich den Kopf in den Speisesaal stecke.
Wir warten schon auf Dich!“ schreit die im Rollstuhl.
Der mit dem Rollator drückt mich von hinten durch die Tür. Entweder er kommt gerade vom Clo oder er hat hier versteckt auf mich gelauert um die Falle zuschnappen zu lassen. Den Köder hab ich im Blechkasten gefunden und angebissen hab ich auch.
Da, Dein Impfpass.Maresi hält mir einen Zettel mit einem grossen QR Code auf dem Eck hin.
Mein Sohn ist Arzt, der hat das für Dich gemacht. Der kennt sich mit Computer aus.“ sagt die im Rollstuhl.
Ich: „Aber bin ja nirgends hin.
Die im Rollstuhl: „Mit Computer brauchst du nirgends mehr hin. Da passiert alles auf dem Bildschirm. Der Herr Sohn hat eh ein schlechtes Gewissen weil er seine Mutter im letzten Jahr nicht besucht hat. Da macht er mir den Gefallen. Jetzt brauchst du keine Angst mehr haben, dass jemand sagt dein Impfpass wär gefälscht.
Ich: „Aber ich bin doch geimpft!
Die im Rollstuhl: „Ja eh. Aber halt nicht in Österreich hat er gsagt. Mit einem russischen oder chinesischen Stich giltst du halt als nicht geimpft. — Du hast dich von der ELGA nicht abgemeldet. Brauchst nicht so schaun. Da steht eh alles drin. Und da hat er dir gleich alle drei Impfungen reingeschrieben.
Ich: „Ist das ein Fake?
Die im Rollstuhl: „Bist geimpft?
Ich: „Ja! Eh.“
Die im Rollstuhl: „Was willst? Mein Sohn hält sich gern an die Genfer Deklaration des Weltärztebundes. Das muss er nicht, aber sein Vater war ein Hippie, das schlagt dann bei sowas durch.
Der mit der Stromrechnung: „Ich les Dir die Deklaration vor, was Dich betrifft: „Ich werde, selbst unter Bedrohung, mein medizinisches Wissen nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.““
Der mit dem Rollator: „Das steht da nicht!
Der mit der Stromrechnung: „Das steht da!
Maresi: „Bei dir sind ja noch drei andere Burschen gemeldet, Nemuszáj. Seids ihr eine WehGeh?
Ich: „Eh.“
Der mit dem Rollator: „Jetzt redets nicht wieder die ganze Zeit von der Impferei. Mir ham ausgemacht dass damit Schluss ist, wenn er seinen Pass hat. Mir wirds schlecht wenns immer nur noch um das eine geht.
Maresi: „Eh.“
Die im Rollstuhl:Gestern war eine da von meiner alten Station im AKH. Die wollten das ich wieder zum arbeiten komm. Ich hab gesagt: „im Rollstuhl?“ und sie: „eh klar!“ Und dann hat sie gefragt ab wann sie zu uns ins Seniorenheim kommen kann. Weil alle anderen ham schon gekündigt und arbeiten wo anders. Keine von den alten ist mehr da.
Ich dürfte gar nicht mehr in der Unfallstation arbeiten wenn ich jung wär. Ich hab keine Matura und keinen Bachelor wie die jungen das jetzt müssen. Alles ham sie gändert, nur Gehalt, Schichten und Überstunden sind gleich blieben.
Der mit dem Rollator: „Fünf Hunde hab ich ghabt, aber ich konnt nicht mehr mit denen rausgehn. Da hab ich immer nur noch die Tür ins Stiegenhaus aufgmacht. Das hat nicht lang gedauert und dann ham sie mich und die Hunde abgeholt. Die Nachbarschaft hat kein Verständnis ghabt. Ich hab ihnen gsagt: „wenns die Hunde einschläferts könnts mich auch gleich mit einschläfern.“ Aber sie ham mich hier ins Seniorenheim.
Maresi: „Hör auf mit den Gschichtln zum Sterm. Den Ernst hams Gestern beerdigt — Dose.
Ich: „Der mit der Elektrozigarette?
Der mit dem Rollator: “ Er ist vorm Haus rückwärts über so einen Elektroroller gfallen. Das war keiner vom Haus, da fährt keiner mit so einem Ding. Die sind ja wahnsinnig schwer. Die kannst du nicht einmal wegschiebn. Von wegen Roller.
Die im Rollstuhl: „Warum ist er auch zum Rauchen raus?
Maresi: „Der war noch gut zu Fuss, aber hinten hat er halt keine Augen gehabt.
Der mit dem Rollator: „Die stellen die Elektroroller immer mitten vor die Tür, dass du drüber stolpern musst.
Ich: „Ein Freund von mir hat das mal gemacht. Du musst immer ein Foto für die Firma machen wenn du einen Roller frisch aufgeladenen abstellst. Die wollen, dass die im Umlauf sind. Wenn du das nicht machst ziehn sie dir das ab.
Maresi: „Die wern dir sowieso immer was abziehn.
Ich: „Woher weisst du das? Hast du auch schon E-Roller aufgestellt?
Maresi lacht: „Hast du wenigstens die Musik dabei?
Ich halte mein Wischtelefon auf den Beamer und drücke ab. Es kommt: CAMEO Funk Funk, 1977

Bis zum nächsten mal, euer Miklós Nemuszáj

7 Gedanken zu “Aus dem Seniorenheim 5.

  1. Hier schreibt der Webmaster himself:
    Unterlassen Sie alle weiteren Kommentare, die Mietverhältnisse von Herrn Nemuszáj betreffen. Ich werde sie kommentarlos löschen.
    Falls Sie rechtliche Bedenken haben: die Kolumne „Aus dem Seniorenheim“ ist Fiktion – ALLES unterliegt der Künstlerischen Freiheit.

    • Sehr geehrte Sachbearbeiterin der – gelöscht – Versicherungsgruppe, es handelt sich um ein Missverständnis! Ja, ich weiss: in meinem Mietvertrag steht „Untervermietung ist verboten“ und – Sie waren ja noch nie in meinem Zimmer – es ist auch gar nicht möglich, dass in dem Zimmer, ausser in total eng gestellten Stockbetten, mehr als einer schläft. Eine Ausnahme – gelöscht –
      Die Freunde, die bei mir gemeldet sind wohnen nicht wirklich – gelöscht –
      Danke für Ihr Verständnis. Bitte kündigen Sie meinen Mietvertrag nicht und erhöhen Sie dieses Jahr auch nicht die Miete -gelöscht –

    • Hallo, ich bin Ferenc, ich bin – gelöscht – aber ich wohne nicht echt beim Miklós – gelöscht – mein Vermieter, da wo ich wirklich wohne, hat gesagt, dass er mir keinen Mietvertrag geben kann, das tut ihm leid – gelöscht – das will er auch nicht, denn mit einem schriftlichen Mietvertrag könnte ich in Wien die Absenkung der Miete gerichtlich einklagen, das habe ich schon mich beraten lassen – gelöscht – Ich wohne da – gelöscht – bitte lassen Sie Miklós in Ruhe – gelöscht –

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