Viva the Revolution

Wem gehört die Sprache?
Wer hat das Recht sie zu benutzen?
Wer beurteilt wann die Sprache gut genug ist? Gut genug für wen?
Gibt es ein Menschenrecht auf Sprache?
Diese Fragen stellt das Kollektiv Sprachwechsel durch seine blose Existenz. Durch sein Tun zeigt es eine Weite in der Sprache, für die ich schon blind geworden war.

Mein österreichischer Freund ruft mich Montag Nacht, 3. Dezember 2018 um 22:30 Uhr an. Er ist am Telefon völlig aufgelöst.
Ö: Ich komme gerade aus dem Amerlinghaus, da hat eine Gruppe von LiteratINNen ihr neues Zine vorgestellt.
Nikkolo: Ihr WAS?
Ö: Ihr Zine „Literatur verkehrt in der Stadt„, das ist so ein Heftchen mit verschiedenen Texten. Die Lesung hätte Dir gefallen. Sie hat mich tief berührt.
Nikkolo: Heute war die bitterernst-Betriebs-Weihnachtsfeier, da musste ich hin.
Ö: Bitterernst war die Veranstaltung im Amerlinghaus auch.
Nachher hat eine Zuhörerin gesagt: Ich fand Eure Texte so spielerisch.
Und ein Schreiber hat geantwortet: Wir wollen nicht bunt sein, sondern ernst.
Nikkolo: Menschen können eh nur spielerisch sein wenn sie ernst sind. Ohne Regeln kein Spiel, ohne Hingabe kein Witz. Schau‘ den Kindern beim Spielen zu: wenn die sich nicht ernst nehmen ist alles nur blöd und leer – sie langweilen sich – es gibt kein Spiel.
Ö: Menschen, die gerne konventionell wären, aber die Konventionen nicht gut genug kennen um sie einzuhalten, brechen die Konventionen und wirken dadurch revolutionär. Es sind Revolutionäre, die eigentlich nur „dazugehören wollen“.
Nikkolo: Wieso kennen die LiteratINNen die Konventionen nicht?
Ö: Wir sind alle im Erwachsenenalter zum Deutschen gekommen und das Deutsch zu uns. Wir sind seit zwei Jahren ein Kollektiv von 20 bis 25 Menschen. Im Hintergrund schreiben zehn andere Sprachen mit. – haben sie gesagt.
Nikkolo: Wieso sind sie ein Kollektiv?
Ö: Wir schreiben Texte individuell, im Tandem aber auch im Kollektiv: alle gleichzeitig in einem Raum. Wir lesen heute Abend nicht eigene Texte sondern hauptsächlich Texte von AutorINNen unseres Kollektivs, die nicht da sind: Theaterszenen, Lyrik, Prosa. Wir wechseln Sprachen so frei wie die Grenzen.
Nikkolo: Wechseln Sprachen so frei wie die Grenzen – das ist wirklich frech.
Ö: Unsere Texte sind meist nicht redigiert. Wir zeigen das Unfertige in seiner Kraft.
Die zwei GrafikerINNEN des Zine (von solo ohne) haben sich von der Frechheit auch inspirieren lassen: Papier, das man gern angreift, Lücken, eigenwillige Umbrüche, transparente Seiten, …
Nikkolo: Ja haben die denn das Recht dazu?
In Deutschland hat der Deutsche Bundestag 1996 beschlossen „Die Sprache gehört dem Volk„* Aber wem gehört die Sprache in Österreich?
Ö: Müsste den Fremden nicht verboten werden unsere Sprache zu sprechen? Anstatt sie durch Sprachkurse und direkte Ansprache dazu zu bringen sich unserer Sprache zu bedienen – müssten sie nicht gezwungen werden NUR in IHRER Muttersprache zu sprechen? Müsste das ganze Erlernen von Fremdsprachen nicht verboten und gnadenlos bestraft werden?
Nikkolo: Da hast du Recht: the language of Shakespeare you can smoke in the pipe singt Pigor* und erklärt in seinem Lied, dass die englische Sprache dadurch zerstört wird, dass zu viele Nicht-Native-Speaker sich ihrer bedienen und Pidgeon-English zur Weltsprache wird. Die echten Muttersprachler sind DA längst in der Minderheit.
Ö: Du bist doch echter Österreicher, was sagst Du denn dazu?
Nikkolo: Ich bin kein Österreicher, sondern Wiener, dass hörst Du doch genau. Jetzt steck mich nicht mit den Gscherten in ein Sackerl. Du bist doch selber Österreicher.
Ö: Ja, aber nein. Meine Mutter war bei meiner Geburt in Deutschland wohnhaft gemeldet, also bin ich vom Status her mit Migrations-Hintergrund.
Spuren Spüren.
Nikkolo: Ich wäre auch gern mit meiner Sprache nicht in die Schule gegangen.
Ö: Ich hätte auch gern einen freien, safen Ort von dem aus ich die Sprache ins Rollen bringen kann.
Nikkolo: Das ist nicht erlaubt, Du bist Österreicher.
Ö: Ja, wir sind Mainstream.

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Das Kollektiv Sprachwechsel sucht weiter SchreiberINNEN:
Du schreibst literarische Texte? Wir auch! Manchmal lieber in der Muttersprache, ein anderes mal gern auf Deutsch? Wir auch!
Du bist nicht hier in die Schule, dafür aber in die Arbeit, in den Alltag gegangen? Du denkst oft in mehreren Sprachen gleichzeitig? Wir auch!
Du magst in Deutsch schreiben obwohl/weil es deine Zweit- oder Drittsprache ist? Du denkst in Metaphern aus verschiedenen Sprachen und weisst nicht immer gleich welche Sprache in dir spricht? Wir auch!
Du magst dich darüber austauschen? Dir fehlen andere die in der Zweitsprache Deutsch schreiben und ähnliches wollen? Uns auch!
Hier mehr.

*Am 26. März 1998 hat das der Bundestag auf Empfehlung des Rechtsausschusses (vgl. BTDrucks 13/10183) beschlossen (vgl. BT-Plenarprotokoll 13/224, S. 20567).
Aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 12. Mai 1998

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