Wirtschaften

anders zu wirtschaften ist ein Paradoxon.

„Wer wirklich wirtschaftet kann es nicht vergessen auf Kollegen, Kunden, Mitarbeitende, Umwelt, Rohstoffe und Energien zu achten.
Menschen die glauben:
– Ich habe die Kunden so gut übers Ohr gehauen dass sie sicher wiederkommen.
– Wie lange meine MitarbeiterINNEN das aushalten ist mir egal, ich finde immer neue.
– So lange ich die Rohstoffe billig bekomme brauche ich mich nicht zu kümmern.
… wirtschaften nicht. Sie führen gerne das Wort. Deshalb werden Begriffe erfunden wie Nachhaltigkeit, Total Quality Management, ethische Verantwortung usw. Deshalb auch wirken folgende Beispiele des Wirtschaftens so anders.
Nikkolo Feuermacher, Wien, 2014

bitterernst möchte folgende Initativen als Beispiele des Wirtschaftens vorstellen:

The Man in Seat Sixty-One informiert über Zugreisen und Fährverbindungen weltweit. Mit Links zu Händlern, aktuellen Reiseberichten, Fotos der Schlaf- und Speisewägen. In Wien / Österreich verkaufen weder Reisebüros noch die ÖBB (Österreichische Bundesbahnen) Zugfahrkarten z.B. nach Glasgow, Istanbul oder Peking. Reisen mit Zug und Schiff sind wieder ein echtes Abenteuer. Mark Smith blogt in Englisch. Ein deutschsprachiges Reisebüro/-portal für Zug- und Schiffsreisen wäre noch zu gründen.

Erwin Thoma hat schon als Jugendlicher Bäume gefällt, war Forstmeister, betreibt ein Sägewerk, baut weltweit Häuser aus reinem Holz, schreibt Bücher und hält Vorträge. Ziel seiner erfolgreichen Unternehmungen ist: eine gesunde, lebenswürdige Welt für Menschen in Harmonie mit der Natur.

Maria-Theresia Bretschneider ist Tischlermeisterin und hat eine Werkstatt in Wien. Sie stellt jedoch keine Möbel mehr her, sondern lässt in ihrer Werkstatt Menschen ihre Möbel selbst bauen. Beratung, Know-How, Holz, Maschinen stellt DIE WERKSTATT zur Verfügung.

Windgas ist ein Weg elektische Energie in brennbare Energie umzuwandeln. Bei Windanlagen entsteht immer Strom wenn der Wind weht. Wenn dieser Stom nicht sofort verbraucht werden kann, nutzt ihn die Windgasanlage um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen. Der Wasserstoff wird dann in das bereits bestehende Stadt-Gas-Netz eingespeist, wo er den Brennwert das Gases erhöht. So werden bereits vorhandene Strukturen genutzt, es müssen keine Batterien hergestellt oder gewartet werden. Mai 2016 ging die erste Windgaslage in Deutschland in Betrieb. Hier die Windgas-Studie von Greenpeace Energy.

Das Reparaturnetzwerk ist ein Zusammenschluss von Geschäften / Handwerkern, die lieber reparieren als Neuware zu verkaufen. Ressourcen für Transport und Material werden geschont, menschliche Ressourcen genutzt (dezentrale, selbstverantwortliche Arbeitsplätze vor Ort). Sogar Geld kann gespart werden: der Kostenvoranschlag wird beim Reparaturauftrag angerechnet, selbst beim Digitaldrucker. Das Reperaturnetzwerk informiert auch online über Kurse um sich selbst etwas zu reparieren.

Zwischennutzung durch wandernde Saison-Läden macht das House of Scotland. Die Wollhändler mieten (ressourcenschonend) in der kalten Jahreszeit für nur vier Monate einen Laden in zentraler Lage in Wien. Gewinn für die NachbarINNEN: die Geschäftsstrasse bleibt belebt und interessant. Quasi das Gegenteil zu einer Eisdiele deren Fenster im Winter mit Packpapier verklebt sind.

Die österreichische Bank für Gemeinwohl will ab 2018 mit ihrem Bankgeschäft beginnen: von einer Genossenschaft getragen, an der Gemeinwohl-Wirtschaft orientiert und nicht spielsüchtig. Um das zu ermöglichen braucht sie jetzt Menschen, die Genossenschaftsanteile zeichnen.

Musik Is A Good Investment (miagi) ist eine Organisation in Pretoria / Südafrika, die in Musik und junge Menschen investiert. „Menschliche Fähigkeiten sind der einzige Weg um Nachhaltigkeit zu fördern und Nachhaltigkeit ist ökonomische Verbesserung.“

Bio Boden ist eine Genossenschaft, die in Deutschland landwirtschaftlich nutzbaren Boden ankauft und allein für ökologische Landwirtschaft zur Verfügung stellt. So sollen regionale Bio-Versorgung und neue Bio-Höfe unterstützt werden.

Shalini Randeria erklärt eine Blüte des Nicht-Wirtschaftens – im Beitrag von Nikkolo Feuermacher: Was ist ISDS? oder: Wie eine Privatbank Steuergelder aus Österreich ohne Gegenleistung einstecken will.

Trinkwasser als Menschenrecht in der Verfassung. Uruguay ist 2004 das erste Land der Erde in dem (nach einer Volksabstimmung) der Zugang zu gutem Trinkwasser als Menschenrecht in die Verfassung geschrieben wurde. Dies ist eine deutliche Absage an die Weltbank-Strategie der Privatisierung von Wasser.

Simon Niederkircher und Michael Galhaup haben eine sichere Mini-Solaranlage entwickelt mit der jedeR (z.B. in der Stadt auf dem Balkon) Strom machen kann. SIMON (140 cm x 70 cm x flach) wird in Österreich aus 100% recycelbaren Materialien hergestellt. Haltesystem am Geländer, an der Wand oder Standfuss nach Wahl. Beim Netzbetreiber anmelden, Stecker in die Dose und schwupp rebellischeR KraftwerksbetreiberIN.

Yak + Yeti ist ein Restaurant. Es beweist seinen Gästen, dass tiefgefrorene Industrieprodukte oder Geschmacksverstärker nicht verwendet werden. Statt externer Evaluierung und Pickerl auf der Speisekarte, macht der Chefkoch einen Kochkurs: im Restaurant lernen die Gäste Küche und Kochkünste kennen. Transparenz statt Geheimniskrämerei.

Junky Styling ist ein Konzept, ein Buch mit Schnittmustern, ein Laden in London, eine Initiative von Annika Sanders und Kerry Seager. Beide zelebrieren die Kunst der Wardrobe Surgery (eine Form des Upcyclings) seit 1997.

Buy Local „Dein Kassenbon ist Dein Stimmzettel. Jedesmal.“ meint die zunächst von BuchhändlerINNEn in Deutschland gegründete Initiative, der es nicht um regionale Produkte, sondern um die Händler vor Ort geht. Die bringen regional auch Steuern, Ausbildungsplätze, soziales Engagement, Arbeitsangebote, … Die deutschsprachige Initiative ist branchenübergreifend und stellt an die Mitgliedschaft Qualitätsanforderungen.

Supersize My Pay: Im November 2005 findet in der Karangahape Road in Auckland / Neu-Seeland der welterste Streik in einer amerikanischen Kaffee-Fastfoodkette statt. Er weitet sich auf andere Fastfoodketten aus und führt erstmals zu Gewerkschaften, besseren Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen im Fastfoodsektor.

Uhrwerke retten Herr Schmollgruber und Herr Ramsauer in Wien. Mechanische Uhrwerke laufen länger als sie hergestellt werden. Sie werden nicht weggeworfen weil der Aku leer ist, sondern weil die Besitzer das Goldgehäuse einschmelzen möchten oder … Gerettete Uhrwerke werden mit hohem menschlichen Einsatz überholt und wieder in Umlauf gebracht.

GEA ist ein Handelshaus, das unter anderem Waldviertler Schuhe verkauft. Der Greislersohn Heini Staudinger hat im strukturschwachen Waldviertel aus einer Schuhfabrik ein florierendes und humorvolles Unternehmen gestartet, das sich u.a. aus wirtschaftlichen Direkt-Krediten finanziert.

Mogg ist ein Demeter Biohof, der mittels eines Konzeptes von Solidarischer Landwirtschaft [CSA – Community Supported Agriculture, Vertragslandwirtschaft, AMAP – Association pour le Maintien d’une Agriculture Paysanne] seine Ernteanteils-InhaberINNEN in das bäuerliche Risiko und den Erfolg mit einbindet, und dadurch trotz Ausbeutungsdruck des Marktes überleben kann.

Zero Waste Jam ist Konfitüre, die von Franchise-PartnerInnen hergestellt und verkauft wird. Sie stellen Konfitüre aus Früchten her, die ansonsten weggeworfen würden, sammeln gespendete Früchte von verlassenen Bäumen, nutzen Überschüsse aus privaten Gärten und Wäldern und recyceln Schraubgläser.

Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken [GLS Bank] ist eine Genossenschaftsbank mit anthroposophischen Wurzeln und praktizierter ethischer / sozialer / ökologischer Verantwortung. Sie gibt vergünstigte Kredite zur Entwicklungshilfe im eigenen Land und hat (seit der erwünschten Übernahme der deutschen Ökobank-Privatkunden) das übliche / klassische Privatkundenangebot.

die taz ist eine der wenigen kapitalunabhängigen [anzeigenkunden-unabhängigen, geldgeber-unabhängigen, markt-unabhängigen] Tageszeitung weltweit. Sie hat sich erfolgreich als Genossenschaft im Eigentum ihrer Lesenden und Mitarbeitenden formiert und entwickelt regelmässig neue, kreative, soziale, politische Impulse, auch über die Zeitung hinaus.

9 Gedanken zu “Wirtschaften

  1. Das paradoxe an dieser Entwicklung [immer mehr Autos] liegt darin, dass die Möglichkeit, Entfernungen schneller zu überbrücken, keineswegs einen Gewinn an Zeit und Lebensqualität bedeutet. … Die Gesamtkosten von Autounfällen und vom Universitätsbetrieb sind fast überall in der gleichen Größenordnung [in den verschiedenen Ländern wird für das eine so viel ausgegeben wie für das andere] und steigen mit dem Sozialprodukt an. Aber noch aufschlussreicher ist der Zeitraub durch Verkehr: Der typische amerikanische Mann wendet 1.600 Stunden auf, um sich 7.500 Meilen fortzubewegen: Das sind weniger als 5 Meilen pro Stunde. In Ländern in denen eine Transportindustrie fehlt, schaffen die Menschen die selbe Geschwindigkeit und bewegen sich dabei wohin sie wollen – und sie wenden für den Verkehr nicht 28 Prozent sondern nur 3 Prozent bis 8 Prozent ihres gesellschaftlichen Zeitbudgets auf.
    S.135, Ulrich Brand und Markus Wissen, Imperiale Lebensweise, München, 2017

  2. Der Verfasser wollte damit seine Fähigkeit testen, aufmüpfige Jugendliche davon zu überzeugen, dass die Wirtschaft zu wichtig ist, um sie den Wirtschaftswissenschaftlern zu überlassen. … Das mit einem scharfen Auge betrachtet hinter jeder ökonomischen Vorstellung, jeder wirtschaftlichen Theorie eine faszinierende Auseinandersetzung mit menschlichen Ängsten steckt.
    Yanis Varoufakis, Ιωάννης Βαρουφάκη, „Time for Change“, Athen, 2015, S.9

  3. Gemeinwohlökonomie gewinnt an Einfluss und Wirkung. Dies indizieren die zunehmende Angst vor Machtverlusst und die Polemiken von Repräsentanten anders orientierter Wirtschaftsformen:

    Der Begriff Gemeinwohlökonomie ist ein Wort, das man sich in seiner Bedeutung einmal genauer anschauen sollte, … wie sehr dieses System funktioniert, erleben wir derzeit nahezu nur in Nordkorea. [sic!]
    Dr. Alexander Biach – Direktor des Wiener Wirtschaftsbundes, in „Wirtschaftsreport“ 4/2015

  4. Einstein soll gesagt haben: Wer immer wieder das Gleiche tut, aber ein unterschiedliches Ergebnis erwartet, ist unzurechnungsfähig.
    Albert Einstein nach Heiner Ganßmann, Dumm gespart, Monde Diplomatique, 12/2015

  5. Ich habe nicht gesagt, dass die Ökonomie zu nichts nutze ist. Ganz im Gegenteil: Sie ist absolut nützlich, reiner Dienst, bloße Nützlichkeit. … Es ist die paradoxe Situation eines Werkzeugs, das sich dazu entscheiden muss, wozu es dienen soll, und sich dazu entscheidet, sich selbst zu dienen. … Der Kapitalismus setzt … die völlige Abhängigkeit jedes Einzelnen vom Markt voraus. … Ich bin der festen Überzeugung, dass die verschiedenen Arten der Geschäftslosigkeit für eine Gesellschaft ebenso wichtig sind wie die verschiedenen Arten der Produktion.
    Im Gespräch mit: Iris Radisch / DIE ZEIT Nr. 35 / 2015

  6. Irgendwann tauchte ein sehr netter Beamter auf und sagte, die Euro-Gruppe existiere juristisch überhaupt nicht. Es handle sich um eine informelle Runde.
    … Die Währungsunion wird von einem undurchsichtigen Gremium regiert, das niemandem Rechenschaft schuldig ist und dessen Sitzungen nicht protokolliert werden.

    Yanis Varoufakis, Zeit Magazin, Juli 2015

  7. Man kann gar nicht anders als einen schmerzlichen Verlust zu empfinden, wenn man an all das denkt, was diese Leute zustande bringen könnten, würden sie sich nicht hineinziehen lassen in das Geschäft, das Geld zu noch mehr Geld macht.

  8. Prediction 17: In the future, technology will become the leading cause of death.
    [Vorhersage 17: In der Zukunft wird Technologie die Haupt-Todesursache sein.]
    The Dilbert Future, London, 1997

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